Vor meinem Heimflug wollte ich noch einmal in die Natur. Das Wandern in Tassie hatte mir viel Spaß gemacht, sodass ich mich noch für einen Abstecher in die Blue Mountains entschieden habe, da diese allseits geloben werden und nur zwei Stunden von Sydney entfernt sind. Da es eine gute Verbindung gibt, habe ich den Zug nach Katoomba genommen, das größte Dorf in den Blue Mountains und meine Station für die nächsten vier Tage.
In Katoomba hatte ich mich im Flying Fox eingemietet, das ausgezeichnete Bewertungen bekommen hatte, bis heute verstehe ich allerdings nicht warum. Es fing damit an, dass ich mehrmals klingeln musste, bis mir jemand die Tür aufmachte. Das größere Problem war jedoch eher, dass der Inhaber, Ross, und ich uns auf Anhieb unsympathisch waren. Im Hostel herrscht nämlich Sozialisationszwang, so gilt z.B. zwischen sechs und neun Uhr abends Internetverbot, da man sich unterhalten soll. Nach sieben Monaten ohne jegliche Privatsphäre stand mir aber einfach nicht mehr der Sinn nach endlosem Hostel-Smalltalk. Ich wollte einfach ein paar ruhige Tage. Ross hingegen versucht sofort mich zu `verkuppeln` und fragte ein paar Leute, ob sie mich nicht mit auf ihre Wandertour nehmen könnten. Das war mir höchst unangenehm, denn erstens dränge ich mich nicht gerne auf und zweitens wollte ich erstmal in Ruhe auspacken. Ich entschuldigte mich bei ihnen, dass ich erstmal was zu trinken kaufen müsste, da ich nichts mehr hatte, was nicht mal gelogen war. Ich konnte ja schlecht ohne Wasser wandern gehen, aber bei Ross war ich so unten durch. Was mich jedoch auch nicht groß kümmerte.
Also bin ich erstmal einkaufen gegangen. Dafür dass Katoomba nicht besonders groß ist (um die 8000 Einwohner) gibt es erstaunlich viele Geschäfte, was wohl den Horden an Touristen geschuldet ist. Praktischerweise auch einen Aldi, wo ich mich erstmal eindeckte. Nach dem Abendessen machte ich noch einmal auf den Weg, da ich unbedingt die Berge sehen wollte. Katoomba ist ziemlich lang gestreckt und wenn man zum zentralen Aussichtspunkt Echo Point will, muss man erstmal durch die Hauptstraße komplett entlanglaufen, was vielleicht drei Kilometer vom Hostel sind. Kaum, dass ich die Geschäfte allerdings hinter mir gelassen hatte, wurde die Straße von Cockatoos bevölkert, was ganz lustig aussah.
Der erste, nein eigentlich auch jeder weitere Blick vom Echo Point war komplett überwältigend. Ich hatte hohe Erwartungen, aber trotzdem hat mich die Schönheit des Ortes komplett umgehauen, damit hatte ich nach der Sightseeing-Reizüberflutung der letzten Wochen gar nicht mehr mit gerechnet. Wie soll ich es beschreiben? Die Blue Mountains sind wie ein Kreis langgezogener Erhebungen, in deren Mitte ein Tal liegt, das Jamison Valley. Das ganze Gebiet war über und über mit Gumtrees bewachsen, die tatsächlich blau schimmerten. Einer meiner Lieblingsfilme ist `Verführung der Sirenen`, der in den Blue Mountains spielt. Seit ich ihn vor 13 Jahren oder so zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich mir die Berge persönlich ansehen, weil ich sie so schön fand, und dass ich nun wirklich dort stand war einfach unglaublich. Es war noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte.
Vor Echo Point gibt es eine interessante Felsformation, die Three Sisters, die Hauptattraktion des Ortes. Einer Sage zufolge hatte ein Zauberer die drei Schwester in Stein verwandelt, um sie vor den ungewollten Avancen drei junger Männer zu schützen, doch er starb, bevor er sie wieder zurückverwandeln konnte. Ich machte ein paar Fotos, während die Sonne hinter den Bergen unterging, dann ging ich vorerst zurück ins Hostel.
Am nächsten Morgen kaufte ich mir erstmal ein paar Karten mit Wanderrouten. Die meisten Touristen bleiben am Echo Point und den Three Sisters hängen, was ich sehr schade finde. Ich wollte runter ins Tal, auch wenn Rosi und Tina mir so einige Horrorstorys darüber erzählt hatten, von hungrigen Blutegeln und Menschen, die sich dort verlaufen und erst nach Wochen, wenn überhaupt, gefunden wurden. Tina meinte, ich könnte ja mal kurz runtersteigen, aber ich sollte nicht dort herumlaufen. Mit den Karten fühlte ich mich aber gut ausgestattet und sah keinen Grund, nicht dort zu wandern.
Man kann entweder mit dem Scenic Railway Seilbahn runter fahren (keine Option für mich) oder die Treppe nehmen. Der sogenannte Giant Stairway verfügt über stolze 900 Stufen und liegt direkt bei den Three Sisters. Ich bin also die Treppe heruntergegangen, was so herum natürlich nicht anstrengend war, aber meine Knie haben doch ein bisschen gezittert, als ich unten ankam. Dort war es schon fast wie im Urwald, alles war sehr dicht bewachsen, aber manchmal konnte man auch einen Blick durch das Dickicht werfen. Am ersten Tag wollte ich mich erst wieder langsam ans Wandern gewöhnen und bin Richtung Westen gegangen, bis nach zwei Kilometern oder so die nächsten Stufen kamen, die Furber Steps. Das waren nicht ganz so viele Stufen wie der Giant Stairway, außerdem hatte man einen guten Blick auf diverse kleine Wasserfälle. Über den Prince Henry Cliff Walk bin ich schließlich zurück nach Echo Point gegangen.
Da am nächsten Tag Sonntag war und ich befürchtete, dass besonders viele Touristen in Katoomba einfallen würden, bin ich mit dem Zug nach Blackheath gefahren, was ungefähr eine Viertelstunde gedauert hat. Ich bin erstmal den Popes Lean Track entlanggegangen, wo noch mehr Farne wuchsen als am Echo Point, außerdem gab es den einen oder anderen Papagei zu sehen. Von dort bog ich auf den Pulpit Rock Track ab, der an der Felswand entlang führte, sodass man spektakuläre Ausblicke auf das Grose Valley und einen recht ansehnlichen Wasserfall hatte. Am Pulpit Rock selbst gibt es noch mehrere Aussichtsplattformen, sodass man schon fast das Gefühl hat, über dem Tal zu stehen. Der einzige Nachteil ist, dass den selben Weg zurück gehen muss, um wieder auf den Hauptwanderweg zu kommen.
Von der Abzweigung war es nur noch eine halbe Stunde bis zum Govetts Leap, Blackheaths Äquivalent zu Echo Point, nur ohne sagenumwobene Felsformation. Von dort aus hat man noch mal einen guten Überblick über das Grose Valley. Weniger schön war, dass der Regenwassertank am Heritage Centre leer war, den hatte ich eigentlich mit eingerechnet, aber es war nicht so schlimm. Am Bahnhof selbst konnte ich 30 Minuten auf den Zug nach Katoomba warten, wobei ich noch Glück hatte, dass es Sonntag war, denn unter der Woche fährt er sogar nur alle zwei Stunden, sodass ich 90 davon hätte warten können. Dabei gab es im kleinen Blackheath sogar reichlich Action, ich konnte nämlich beobachten, wie ein Polizeiwagen einen Truck verfolgte.
Tag 3 begann in zweifacher Hinsicht unschön: Erstmal hatte ich nicht viel Schlaf bekommen, da meine Zimmergenossinnen mitten in der Nacht in das Zimmer gestürmt kamen und wie verrückt kreischten und schnatterten, da sie irgendeinen Darsteller aus `Twilight` in einer Bar gesehen hatten. In Katoomba. Wie unreif kann man eigentlich sein? Ich werde nie verstehen, wie Menschen jenseits der 15 auf solche Vampirschnulzen abfahren können. Doch das war erst der Anfang! Außerdem musste ich einen Temperatursturz von ca. 15 Grad verkraften. Von Hitzewelle war nun keine Spur mehr, es waren nur so 15, 16 Grad und es regnete. Daher verzichtete ich auch auf die geplante Tour zum Ruined Castle. Dabei handelt es sich um eine Felsformation, die eben wie ein zerstörtes Schloss aussieht, was ich schon gerne gesehen hätte. Allerdings zögerte ich doch, die Tour zu machen, da sie ungefähr acht Stunden dauert, nicht ganz einfach ist und ziemlich tief im Valley liegt. Lieber doch kein unnötiges Risiko eingehen.
Stattdessen bin ich der Giant Stairway hinunter und Richtung Leura gegangen, ein Dort östlich von Katoomba. Der Dardanelles Pass ist ganz hübsch, viel Regenwald, und ebenfalls mit dem ein oder anderen Wasserfall. Um wieder nach oben zu kommen nahm ich die Leura Forest Stairs, die ungefähr ebenso steil wie der Giant Stairway waren, also nicht ohne. Der Ausblick machte die Anstrengung jedoch wieder wett. Interessanterweise hatten sich schon 1914 ein paar Touristen in den Felsen verewigt. Über den Prince Henry Cliff Walk ging es wieder zurück nach Echo Point. Auch hier war die Aussicht absolut traumhaft.
Der Tag endete leider so schlecht wie er begonnen hatte. Ich hatte mich gerade in mein Bett gekuschelt und wollte schlafen, als die anderen mit Ross' Laptop ins Zimmer kamen und sich darüber `Twilight` ansahen. Argh! Wie dreist kann man eigentlich sein? Ich weiß gar nicht, was ich am ärgerlichsten fand: Dass Ross seinen Laptop für so was hergegeben hat oder dass die Mädels das im Zimmer geschaut haben, obwohl andere schlafen wollten. Wofür gibt es denn Gemeinschaftszimmer? Ich stopfte mir die Ohrstöpsel in den Gehörgang und vergrub meinen Kopf unter dem Kopfkissen, aber das half nur bedingt.
...