Den nächsten Tag wollte ich ganz der Politik widmen und sowohl das neue Parlament besichtigen als auch das alte, das mittlerweile ein Museum ist. Das neue Parlament liegt auf dem Capital Hill, im gleichen Stadtteil wie auch die Bibliothek. Nicht nur der Name des Hügels erinnert an Washington, es gibt auch eine große Rasenfläche namens `The Mall`, die zwischen den beiden Parlamenten liegt. Das Parlament selbst ist praktisch in den Hügel hineingebaut und von Gras bedeckt; oben drauf steht eine Stahlkonstruktion mit einem Fahnenmast, an dem natürlich die australische Flagge weht.
Das Parlament wirkt ziemlich klein, aber wenn man drin ist merkt man doch, dass es größer ist als es scheint. Das Foyer selbst sieht sehr edel aus, alles ist mir Marmor verkleidet. Da ich noch etwas Zeit hatte, bis die Tour losging, habe ich mich so umgesehen. Im ersten Stock entdeckte ich gleich einen kleinen Schatz: Ein Exemplar der Magna Carta von 1297, eins von nur vieren weltweit und eins von nur zweien, die sich außerhalb des UK befinden. Wow.
Die Tour begann in der Great Hall, einer wie der Name sagt großen Halle. Der Guide war eine ältere Dame namens Gina, die eigentlich aus Melbourne kommt. In der Gruppe befanden sich ungefähr 20 Leute, die meisten davon aus Australien, aber auch Iren und Brasilianer waren vertreten. Gina fand uns `kosmopolitisch` und schien sich zu freuen, dass sich auch Nicht-Aussies für das Thema interessierten. Die Great Hall ist für besondere Anlässe wie etwa den Empfang ausländischer Staatsgäste. An einer Wand befindet sich ein riesiger Wandteppich, der eigentlich ein Gemälde hätte werden sollen, doch der Künstler bevorzugte einen Wandteppich. Er hat dort übrigens den Halleyschen Kometen eingewebt, da dieser in jenem Jahr (1986) über die Erde hinweggeflogen ist.
Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber Canberra ist ein Aboriginewort und bedeutet wohl Treffpunkt. Die Frau des damaligen Generalgouverneurs hat es in ihrem englischen Akzent `Canbra` ausgesprochen und so nennt man die Stadt noch heute. Ich weiß auch nicht, ob ich schon einmal erwähnt habe, dass Deutsche viele australische Städtenamen falsch aussprechen: Brisbane ist brisben statt brisbayne, Melbourne ist melbin statt melbörn, Sydney ist sydni statt sydnay und Canberra ist eben canbra statt canberrah. Die Hauptstadt wurde 1913 gegründet, das Parlament jedoch aufgrund des Ersten Weltkriegs erst 1927 eröffnet. Es war jedoch gleich nur als vorübergehende Lösung gedacht (warum auch immer) und wurde in den 1980er Jahren dann auch tatsächlich zu klein und renovierungsbedürftig. Die Queen höchstpersönlich eröffnete das neue Parlament 1988.
Für Walter Burley Griffin war ein Parlament auf dem Capital Hill der städteplanerische Super-GAU, da es signalisieren würde, dass die Politiker über dem Volk stehen. Da hat er natürlich nicht ganz Unrecht, andererseits liegt das Parlament so auf der Achse Mount Ainslie-War Memorial-Capital Hill, was durchaus auch seinen Reiz hat. Um nicht den Eindruck der Überheblichkeit zu erwecken, wurde das Parlament mit Gras bedeckt, um es zum Teil der Stadt und des Volkes Spielwiese zu machen, außerdem gibt es vor der Tür ein Mosaik im Aboriginestil, das `Willkommen` signalisieren soll. Das Parlament hat übrigens 4500 Zimmer, kaum zu glauben, und jedes einzelne hat eine Aussicht auf einen Hof, bzw. auf die Reporter, die dort herumstehen.
Gina führte uns herum, zunächst zur Galerie mit den Porträts der ehemaligen Premierminister. Kevin Rudd war nicht dabei, da er zu diesem Zeitpunkt noch aktiver Politiker war. Ich weiß allerdings nicht, wie es jetzt aussieht, da er als Außenminister zurückgetreten ist und die Kampfabstimmung gegen Julia Gillard verloren hat. Über Paul Keating erzählte Gina die Geschichte, dass er extrem unbeliebt bei den australischen Farmern war, da er immer nur italienische Anzüge trug. Das ging so weit, dass einige Farmer ihre Wolle nach Italien schickten und sie dort zu Anzügen verarbeiten ließen, damit Keating auch mal `australische` Anzüge trägt.
Wenn man aus dem Fenster schaute, sah man auf der gegenüberliegenden Seite das Büro von Oppositionsführer Tony Abbott, jedoch versteckt hinter Seidenvorhängen. Ginas Traum ist es, dass Tony Abbott einmal die Vorhänge lüftet und ihr und ihrer Tourgruppe zuwinkt, aber ich schätze mal, da kann sie lange warten.
Anschließend gingen wir ins Repräsentantenhaus. Leider war gerade Sommerpause und daher keine Sitzung, dabei hätte ich so gerne mal Julia Gillard gesehen. Oder meinetwegen auch Tony Abbott. Die Sitze sind in einem hellgrünen Ton gehalten, der an die Blätter der Gum Trees erinnern soll. Im alten Parlament waren die Sitze nämlich dunkelgrün wie in Westminster, für das neue Parlament wollte man sich jedoch mit etwas `typisch australischem` emanzipieren. Okay... Übrigens habe ich auch erfahren, warum der Emu und das Känguru die Wappentiere Australiens sind: Weil sie nicht rückwärts laufen können und Australien nach der Föderation nicht zu den Zeiten zurückwollte, als die einzelnen Staaten noch britische Kolonien waren. Ha! Wer hätte gedacht, dass da so viel Symbolik hinter steckt?
Zur Eröffnung schenkte das UK dem australischen Parlament Boxen, wie es sie auch in Westminster gibt. Australien machte ihnen übrigens dasselbe Geschenk, nachdem die Originalboxen während des Blitzkrieges zerstört wurden. In den Boxen befinden sich die Bibeln, die beim Ablegen des Amtseides verwendet werden, darunter auch eine hebräische Bibel und ein Koran.
Es ist möglich, während der Sitzungstage von der Galerie aus zuzusehen, jedoch nur, wenn man absolut leise sein kann. Schulklassen befinden sich daher auch in einer schalldichten Galerie. Lustige Geschichte: Einmal fragte Gina eine Schulklasse, wer denn die dritte Macht im Staat sei, außer Senat und Repräsentantenhaus. Sie gab ihnen den Hinweis, dass diese Person im Ausland lebt, woraufhin ein Kind rief: `Präsident Obama!` Richtig lauten Protest gab es selten, etwa als 200 tasmanische Farmer nach Canberra kamen um sich darüber zu beklagen, dass McDonalds seine Kartoffeln fortan aus Neuseeland bezieht.
Danach ging es in die Chamber`s Hall. Im Erdgeschoss befindet sich ein Brunnen, der von den Besuchern als Wunschbrunnen genutzt wird, obwohl das nicht so gedacht war. `Warum müssen die Leute immer mit Geld werfen, sobald sie Wasser sehen?`, fragte Gina. Eigentlich ist der Brunnen dazu da, die Gespräche dort zu übertönen, sodass die Leute im ersten Stock nicht mithören können. Einmal hat jedoch jemand Gina oben sprechen hören und ist vor Schreck in den Brunnen gefallen, ich weiß aber nicht wie.
Zum Schluss ging es noch in den Senat. Dort sind die Sitze in hellrot, wegen der Blüten des Gumtree, im Gegensatz zu den knallroten Sitzen im House of Lords. Zurzeit hat der Senat 76 Mitglieder und wie im Repräsentantenhaus haben weder Labor noch die Konservativen eine Mehrheit, was dazu führt, dass die Unabhängigen Gesetze blockieren können. Übrigens ist parlamentarische System in Oz ein Hybrid, denn der Senat und das Repräsentantenhaus hat man aus den USA übernommen, gleichzeitig ist man aber immer noch eine konstitutionelle Monarchie.
Die Tour war unglaublich interessant und, was ich nicht erwartet hatte, sehr humorvoll. Eine Pflicht für jeden Australientouristen! Anschließend war ich noch auf dem Dach, weil ich ein Foto von der doppeldeckergroßen Flagge machen wollte, doch leider war es nicht windig genug.
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