Was soll ich über Brisbane sagen? Ich find´s scheiße. Wir sind irgendwie nie wirklich warm geworden, Brisbane und ich. Obwohl Brisbane 1,8 Mio. Einwohner hat, scheinen sich die alle zu verstecken, denn die Stadt wirkt immer seltsam leer. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht. Mittelpunkt ist mit dem Brisbane River ein riesiger Fluss, der aber komplett zugebaut ist und farblich in etwa so aussieht wie Spülwasser. Schwimmen kann man in ihm nicht. Laut meiner Reisebibel verzeichnet Brisbane wöchentliche Zuwachsraten von 1.000 Menschen, die hier eine neue Heimat finden. Ich frage mich: ?Waruuuum?? Was hat man denen versprochen?
Nachdem ich in Surfers Paradise den Bus zum Bahnhof (45min. Fahrt ins Nichts,. Angeblich befand sich der Bahnhof in einem Vorort von Brisbanes, dessen Namen ich vergessen habe, aber da war nur ein Bahnhof, sonst nix) genommen hatte und von dort eine weitere Stunde im Zug sitzen musste, um das Stadtzentrum zu erreichen, bin ich dann endlich in Brisbane angekommen. Der Bahnhof liegt mitten in der Stadt. Zu meinem Glück fand gerade ein Rugbyspiel statt (scheiß auf Futti, nördlich regiert der Rugbysport). Ich bin einfach mit den Menschenmassen mitgeschwommen, was angesichts meines immensen Gepäcks gar nicht so leicht war (hab das mal gewogen, alleine der Rucksack wiegt 26 Kilo, meine Umhängetasche noch einmal gut 10 Kilo). Glücklicherweise befinden sich nicht weit vom Bahnhof diverse Backpackerhostels. Ein ganzer Straßenabschnitt besteht nur aus Hostels. Wie praktisch. Nach einigem Suchen und Fragen konnte ich auch das Hostel meiner Wahl ausfindig machen. Das Yellow Submarine. Es wurde im Lonely Planet als familiäres Schmankerl angepriesen. Ich stelle im Verlauf meiner Reise immer mehr fest, dass die Orte, die sich als besonders alternativ und Hippiefreundlich präsentierten zumeist mächtig auf den Sack gingen. So auch das Yellow Submarine. Ein altes, denkmalgeschütztes Haus mit knarrenden Treppen. Überall haben sich ehemalige Backpacker mit Gedichten, besten Grüßen oder mehr oder weniger geschmackvollen Bilden an der Wand verewigt. Eigentlich wirklich nett. Bei genauerem Hinsehen macht es aber einen eher abgetakelten Eindruck, als wäre seit Jahren nicht mehr in Farbe, Teppich oder überhaupt irgend etwas investiert worden. Mein Zimmer ist das Günstigste im ganzen Hotel (28 Dollar-das ist NICHT günstig!!!!) und befindet sich im Keller. Es muffelt nach getrockneter Kleidung. Zunächst habe ich ein wenig Hemmungen mich in ´das Bett zu legen. Irgendwie muss ich an die Kakerlaken denken, die mir im Laufe meiner Reise schon begegnet sind, die zum teil Handtellergröße erreichten und die bestimmt auch in meinem Bett schon die ein oder andere Party geschmissen hatten. Bewohnt wird das Yellow Submarine primär von Deutschen, die sich alle untereinander nicht mögen, aus dem einzigen Grund, dass sie Deutsche sind. Klar, man reist ja nicht 16.000 km um dann Deutsch zu sprechen. Das führt zum Teil zu bizarren Verhalten. Manch ein Deutscher verweigert seine Muttersprache und spricht konsequent nur englisch (mit furchtbarem Akzent), egal mit wem. Das stößt anderen deutschen Hostelbewohnern übel auf, ich finde das einfach albern. Alles und alle! Insgesamt herscht im Hostel ein komisches Klima. Man bekommt nur schwer Kontakt zu anderen, vermittelt wird mit grimmiger Miene eine ?Null-Bock-auf-andere? Stimmung. Eisiges Schweigen in der Küche, wo man sich zwangsläufig über den Weg läuft. Ich versuche dass immer durch meine charmant freundliche Art zu neutralisieren, bin aber weitestgehend erfolglos, zumindest bei den Deutschen. Es ist schwer sich hier wohl zu fühlen. Im hintersten Winkel meines schummrigen Zimmers habe ich am zweiten Tag einen Inder gefunden, der sein Bett mit einem schwarzen Bettlaken vom Rest des Raumes abgetrennt hat. Vi lebt nach eigenen Angaben seit 2 ½ Jahren im Hostel und arbeitet für die Regierung. Ersteres finde ich bemitleidenswert, zweiteres Unglaubwürdig. Ein wirklich netter Kerl, aber irgendwie komisch, wie alle in diesem Haus.
Zwar bin ich am ersten Abend recht spät in Stadt angekommen, doch kann ich die Füße nicht still halten und habe mich auf eine Erkundungstour, die eigentlich nur kurz dauern sollte, in der ich dann aber in drei Stunden den Großteil der Sehenswürdigkeiten abklapperte, die alle irgendwie keine waren.
Die ganze Stadt vermittelt den Scham des Bielefelder Bahnhofsviertels. Zwar ist alles neu, alles schick, aber nichts besitzt eine Seele. Eine Welt aus Plastik, Irgendwie künstlich und nicht pasig. Als ich die Treppe zu meinem Zimmer runter gehe, kommt mir Kai entgegen. Kai hatte ich im Januar in Melbourne getroffen und dort recht viel mit ihm zu tun gehabt. Die Welt ist eben doch ein Dorf.
Da ich am ersten Abend Brisbane schon ausgibigst erkundet hatte wusste ich, dass es mir nicht viel zu bieten hatte. Der eigentliche Grund meines Aufenthaltes, der grob eine Woche dauern sollte, war auch ein anderer. Ich wollte ich mich um meine Bewerbungen für einen Masterstudiengang und ein Praktikum in Kambodscha kümmern. Da es sich um eine der langweiligsten Städte des Planeten handelt und die staatliche Bibliothek gratis Internet zur Verfügung stellt konnte ich meine ganze Energie in dieses Projekt stecken. So habe ich die nächsten Tage von morgens bis abends im Internet verbracht. Nachdem ich meine Bewerbungen perfektioniert hatte, galt es, ein zweites Projekt in Angriff zu nehmen. Jobsuche. Auch das war so geplant, zwar war ich nicht komplett ausgebrannt, doch wollte ich nicht warten, bis das der Fall war, denn das geht in Australien schneller als man Zapzarap sagen kann. So suchte ich jeden Tag akribisch nach Jobangeboten im Internet und musste feststellen, dass das ein schier aussichtsloses Unterfangen war, denn die wenigen Jobs die angepriesen wurden waren mehr als überlaufen. Täglich habe ich im Harvest Office angerufen, ein Büro, dass Erntearbeiten koordiniert. Da darf man sich dann mit missmutigen Damen rumschlagen, die einem eigentlich immer sagen, dass man da gerade kein Glück haben wird, egal wo man sich gerade befindet und was man machen will. Im Laufe meiner Australienzeit wird und wurde mir das immer wieder gesagt. Ich vermute die Ansagen kommen vom Band.
Nach einer Woche ging mir mein Hostel derbst auf die Nerven und auch die Stadt war mehr als ausgelutscht und so beschloss ich mich selbst vor Ort auf die Jobuche zu machen. Ich hatte ein kleines Büchlein, in dem genau verzeichnet war, wann wo gerade welche Frucht Saison hat. Also habe ich mir einen Reiseplan gebastelt. Der Plan bestand darin, die nächst gelegene Stadt mit dem Zug anzufahren, bei Erfolglosigkeit mit dem Bus eine weitere und so weiter und so fort.
Der Aufenthalt in Brisbane stand wirklich unter keinem guten Stern. Als ich noch kleine Snacks für meine Reise im Supermarkt kaufen wollte hatte dieser Bereits zu. Inventur! Es wäre OK gewesen, wenn das das erste Mal passiert wäre, aber in den Tagen, die ich in Brisbane verbrachte hatte dieser Verdammte Supermarkt immer wieder geschlossen. Einmal, weil ich es nicht gewohnt war, dass Supermärkte in Millionenstädten in der Woche vor acht schließen, einmal, weil ein mir unbekannter Feiertag war, einmal einfach so (um mich zu ärgern?) und jetzt Inventur. Verdammte Drecksstadt!!!! Ich bin tatsächlich noch nie in einer Stadt gewesen, die so groß ist und in denen alle Geschäfte so früh schließen. Grundlos!
Als ich biestig in mein Hostel zurück ging traf ich Viona. Schon wieder. Allein in Brisbane sind wir uns drei mal zufällig über den Weg gelaufen. Das konnte so nicht bleiben und bei diesem dritten Mal beschlossen wir uns abends noch auf ein Bier zu treffen. Ich muss wirklich sagen, dass das einer der nettesten Abende in Australien war. Es hat gut getan sich mit jemanden zu unterhalten, der cleverer ist und desssen Prioritäten nicht ausschließlich Bier trinken sind. Wir haben beschlossen uns in Cairns oder Asien wieder ?zufällig? über den Weg zu laufen. Ein wirklich guter Mensch.
Am folgenden Tag habe ich mich dann auf den Weg Richtung Bahnhof gemacht. Der nächste Ort war nicht weit entfernt und da mich schon die Zugfahrt von Surfers Paradise nach Brisbane fast nix gekostet hatte, nahm ich an, dass der Zug abermals die günstigste Variante wäre. Im Touristenbüro der Bahngesellschaft konnte man mir keine Auskunft über den Preis machen (worin besteht dann ihre Daseinsberechtigung?) und so schickte man mich zum Verkaufsschalter. Im Verkaufsschalter saß eine ältere Inderin die mir sehr unfreundlich und mit schwer verständlichem Akzent erklärte, dass ich dafür wissen müsste, welchen Zug ich den nehmen wollte. Das wusste ich nicht, da ich, um den Ort zu erreichen, an den ich wollte, mehrfach umsteigen musste und eigentlich von IHR wissen wollte ?Da steigste ein, da steigste um, da steigste aus, das musste bezahlen, dann geht?s los, dann biste da?. Sie konnte mir nicht sagen welche Rute mich ans Ziel bringt (worin besteht IHRE Daseinsberechtigung in diesem Beruf?) und so musste ich weiter zum Kartenabreißer, der mir in wahnsinniger Geschwindigkeit drei Orte auf einem mir unverständlichen Fahrplan zeigte an denen ich vermutlich umzusteigen hatte. Ich hab das nich tverstanden! Um ein Ticket zu kaufen musste ich wieder an den Verkaufsschalter. Dort angekommen präsentierte ich der wenig entzückten Inderin die Taschenvariante des Fahrplanes um sie dazu zu bewegen mir das passende Ticket auszustellen. Um die Sache zu erleichtern fügte ich noch hinzu, dass es mir scheißegal wäre wann ich losfahre oder ankomme. Das Gespräch verlief sich irgendwie im nix, auch, weil ich deutlich spürte, dass ich der Alten auf den Sack ging und sie mich jetzt hier weg haben wollte. Mir schwoll der kam und ich musste mich wirklich zusammenreißen um nicht auszurasten und sie hinter ihrem beschissenen Schalter herzuziehen.